BySven Meinhardt, writer at Creators.co

Die Wachowskis machen Serie

Wirft man einen kurzen Blick in die Zusatzinformationen, bevor man sich Hals über Kopf in eine neue Serie stürzt, aus der man die nächsten 2-3 Tage nicht mehr auftaucht, je nachdem ob es sich um 4 oder 5 Staffeln handelt, fallen bei Sense8 sehr schnell die Namen Andy und Lana Wachowski auf. Bei jedem, der die 90er und frühen 2000er nicht komplett verschlafen hat, klingeln spätestens hier die Ohren, wenn man sich an die unglaublich erfolgreiche Matrix-Trilogie und an den polarisierenden Dystopie-"Klassiker" V wie Vendetta erinnert.

Die Erwartungen sind dementsprechend ab Folge 1 "Limbische Resonanz" sehr weit oben und auch Gastregisseure wie Tom Tykwer (Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders) lassen vorerst Gutes erhoffen.

Erfahrung zahlt sich aus

Aus technischer und damit auch audiovisueller Sicht, kann man für mein Empfinden wenig gegen die Serie sagen. Die Schnitte sind gezielt gesetzt, so dass man auch in den zahlreichen, sehr schnellen und gut choreographierten Kampfsequenzen einen ständigen Überblick hat und nicht von einem “Schnitt-Gewitter” überfordert wird, wie man es bei W. S. Andersons Pompeii erlebt. Hierzu trägt eindeutig auch die Erfahrung der Regisseure durch die Matrix-Trilogie ihren Teil bei. Die Bilder sind in den meisten Situationen sehr gut arrangiert, wodurch zwar an sich der Fokus auf den Protagonisten bleibt, man aber trotzdem ein Gefühl bekommt, was um sie herum passiert, was bei den zahlreichen Sprüngen zwischen Figuren unablässlich ist. In vielen Momenten haben wir schön koordinierte Schwenks und Kamerabewegungen, die die häufig schnellen Übergänge zwischen Figuren oder das Auftauchen von Figuren angenehm kaschieren und gleichzeitig teils parallel noch atemberaubende Panoramen und Orte zeigen.

Der Soundtrack bietet viel Abwechslung und hilft zugleich häufig dabei, die verschiedenen Charaktere miteinander zu verbinden. Musik spielt meinem Eindruck nach, eine recht wichtige Rolle, um Emotionen und "Emotionsübertragung" zu vermitteln, da bei den “Sensates” wohl sehr viel mental abläuft, was doch eher schwer zu zeigen wäre.

Viele Charaktere - Viel Story - Gut verpackt

Inhaltlich haben sich die Wachowski-Geschwister eine Story mit viel Potenzial überlegt, die von größeren, dramatischen Höhepunkten oder einem wirklichen Ende nach Season 1, noch sehr weit entfernt ist. Die Idee der geistigen Verbindung, bis zum Hineinversetzen in den anderen oder das persönliche Treffen der anderen über tausende Kilometer Entfernung, bietet viel Spielraum für mögliche Handlungsstränge. Auch einige der einzelnen Erzählstränge würden ausreichend Tiefe und Hintergrund besitzen, um in überspitzt gesagt, als eigene Miniserie zu funktionieren. Das “Hacktivisten”-Pärchen bestehend aus Nomi und Amanita oder die Geschehnisse um Capheus in Nairobi wären durchaus umfangreich genug für eine gezielte Fokussierung.

It's not hacking if you get paid for it. -Nomi Marks

Man kann grundsätzlich die Charaktergestaltung und -entwicklung bei Sense8 durchaus loben, da trotz der Vielfalt an Charakteren und nationaler Mentalitäten immernoch Interesse am einzelnen aufkommt.

Der Mangel an Regeln

Allerdings kommt die Serie bei ihrem Kernpunkt, den “Sensates” und deren Verbindung auch an ihre logischen Grenzen. Denn so gut wie nie wird thematisiert, dass die "Sensates" beim Hineinversetzen oder Treffen mit den anderen, in ihrer eigentlichen Umgebung entweder willenlos an die Wand starren und reden würden oder aber durch geschlossene Räume springen und mit imaginären Waffen schießen würden. Beide Möglichkeiten werden zwar angedeutet, jedoch fehlt eine klare Regel. Dass man nicht alles zeigen kann und Fiktion nun mal Fiktion ist, steht überhaupt nicht zur Debatte. Doch stört mich hier, dass ich keine bessere und eindeutige Vorstellung von dem habe, was ich nicht sehe.

Sens8ionell und definitiv nicht zu ver8en

Abgesehen davon finde ich die gesamte Umsetzung jedoch äußerst gelungen und habe mich selbst mehr als einmal dabei ertappt, wie ich vor dem Fernseher saß und überlegt habe, wer sich jetzt gerade einklinken könnte/müsste, damit "Van Damn" nicht doch ernsthafte Probleme bekommt oder Nomi irgendetwas zustößt. Die zahlreichen Schauplätze quer über den Globus werden ansprechend dargestellt und mit Stereotypen gespielt. Der Charme der unterschiedlichen Länder wird sehr gut eingefangen, was auch sicherlich auf die Gastregisseure zurückzuführen sein mag. Auf optischer und auch auf narrativer Ebene bewegen wir uns hier auf einem sehr hohen Niveau.

Insgesamt kann man Sense8 folglich jedem empfehlen, der seit Langem auf etwas Gutes von den Wachowskis wartet, gerne sieben Seelenverwandte hätte oder sich einfach in eine Serie hineinversetzen möchte, in der nicht alles läuft, wie man es kennt und die gefüllt ist, mit Charakteren, die man stellenweise schnell ins Herz schließt und bei denen man sich darauf freut, sie in einer zweiten Staffel zu sehen. Allen die sich davon nicht angesprochen fühlen, kann ich dann wohl eher The Blacklist ans Herz legen, das optisch und narrativ ähnlich brillant umgesetzt ist, jedoch mit weitaus weniger Protagonisten und Zweit- und Dritthandlungen auskommt. Außerdem gibt es hiervon schon eine zweite Staffel, auf die man bei unserem vielversprechenden Frischling im Serien-Business Sense8, wohl noch etwas warten darf. Ich persönlich warte jedenfalls gespannt auf die Fortsetzung und freue mich auf mehr von den Wachowskis, die endlich bewiesen haben, dass sie es noch können.

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